ETIKETTE

- Verhaltensregeln im Dojo -



Der Gruß:

Ablauf:

Beim Betreten des Dojos (Übungsraum, Halle) verbeugt man sich mit ruhiger Bewegung in Musubi-Dachi mit geneigtem Kopf
und leicht abgewinkelten Oberkörper. Übereilte oder auch fahrige, schnell ausgeführte Verbeugungen entwerten den Gruß.

Zu Beginn des Trainings stellen sich alle Karateka gegenüber vom Trainer in einer Reihe auf.
Dan- und Kyugrade stellen sich vom Trainer aus gesehen, in absteigender Reihenfolge den Gürtelfarben nach, von links nach rechts.
Entweder der Trainer oder der höchstgraduierte Schüler gibt die Kommandos.
Der Trainer begibt sich zuerst in den Seiza, dann folgt das Kommando "Seiza!" und von links nach rechts sitzen alle nacheinander ab.
Alle sollten möglichst gerade sitzen. Die Hände liegen auf den Oberschenkeln, die Knie sind leicht geöffnet, der Kopf ist leicht geneigt.
Bei "Mokuso!" (Meditation) schließen alle die Augen und stellen sich mental auf das Training ein. Hier sollte darauf geachtet werden,
dass jeder tief und kurz in den Hara einatmet, die Luft kurz hält und dann mindestens doppelt so lange ausatmet wie er eingeatmet hat
(einatmen über die Nase, ausatmen über den Mund). Nach ca. 32 Sekunden erfolgt "Mokuso-Yame!", die Augen werden geöffnet.
Der Trainer, der bisher in Richtung seiner Schüler gesessen hat, dreht sich ohne den Seiza zu verlassen nach vorn zur Shomen - Seite
des Dojo (dieselbe Blickrichtung wie seine Schüler).
Bei "Shomen-Ni-Rei!", erfolgt nun die Verbeugung nach vorn. Der Trainer dreht sich wieder zu seinen Schülern.
Die 2.Verbeugung erfolgt auf "Sensei-Ni-Rei!" (Verbeugung zum Trainer), wobei sich die Schüler in Richtung Trainer ausrichten
und sich dann Trainer und Schüler voreinander verbeugen.
Nun richten sich die Schüler wieder nach vorn aus und verbeugen sich bei "Otagai-Ni-Rei!" (Verbeugung zueinander) zum dritten Mal.
Der Trainer verbeugt sich dabei jedoch nicht.
Zusätzlich zu den genannten Verbeugungen kann auch noch ein Gruß "Shinza ni Rei!" zu den Ahnen erfolgen.
Das ist jedoch nur üblich, wenn das Bildnis eines großen Meisters, z.B. Funakoshi Sensei, im Dojo aufgestellt wurde.
Beim Kommando "Ritsu!" stehen der Trainer und danach die Schüler von links nach rechts auf und stellen sich in Musubi-Dachi.
Abschließend erfolgt Ritsu-Rei bei "Rei!".
Wenn hohe Danträger unter den Schülern sind, stehen diese zuerst nacheinander auf, verbeugen sich zum Trainer und dann erst stehen
alle anderen Schüler auf und verbeugen sich ebenfalls.
Nach der Verbeugung sollte man noch einen Augenblick in Musubi-Dachi verharren, bis man dann bequem stehen kann.

Bei der Verbeugung im Sitzen setzt immer erst die linke Hand dicht vor dem Körper auf dem Boden auf, erst dann löst sich die rechte
Hand vom Oberschenkel und setzt ebenfalls auf dem Boden auf. Beide Hände bilden zwischen Daumen und Zeigefinger ein Dreieck.
Nun erfolgt die Verbeugung, wobei der Blick nicht nach unten genommen wird, sondern ca. einen Meter vor der Sitzposition auf den
Boden gerichtet ist. Nach der Verbeugung geht zuerst die rechte Hand zum Oberschenkel zurück, dann die linke.
Das hat historische Bedeutung:
Dieser Gruß wurde früher von den Samurai ausgeführt. Sie trugen ihr Schwert an der Hüfte, ließen die rechte Hand bei der Verbeugung
so lange wie möglich am Schwert und behielten die Umgebung im Auge um jederzeit auf einen Angriff reagieren zu können.


Ritual im Karateunterricht:

Die Dojo - Etikette geht auf das Ogasawara ryu im Japan des 12. bis 14. Jahrhundert aus der Kamakura - Periode (1185 - 1333)
zurück und existiert noch heute. Es ist heute die einzige japanische Schule (Ryu), die strikt die alte Etikette des BUSHIDO beachtet.
Diese Verhaltensregeln der Samurai, sollten ein reibungsloses Miteinander erlauben. So konnten Samurai, z.B. bei Begegnungen auf
der Straße, links aneinander vorbeigehen, im Palast mussten sie einander jedoch die rechte Seite dabei zuwenden, weil so weniger
leicht das Schwert gezogen werden konnte. Oder sie mussten nach dem Verbeugen mit dem linken Fuß zuerst zurückgehen.
Solche und andere Regeln haben sich bis heute im Karate erhalten.
Der Einfluss des Buddhismus auf die Verhaltensregeln der Samurai dokumentierte sich auch im Karate durch einfach Regeln,
Unkompliziertheit und das besondere Lehrer-Schüler-Verhältnis, das eine bedingungslose Unterordnung des Schülers (Kohai)
unter den Meister (Sensei) verlangte.
Doch so archaisch ist es heute nicht mehr.
Im heutigen Sinne hat die Dojo - Etikette die Funktion von Organisationsprinzipien, um die Konzentration zu fördern und um über
den Respekt vor dem Partner oder Gegner, seine Aggressionen zu dämpfen und zu lenken sowie einem höflichen Umgang miteinander.
Allerdings gehören in der Ogasawara ryu (Kyujutsu - Kyudo) u. a. auch heute noch ein angepaßtes Verhalten in den Zeremonien und
im Alltag der Schüler dazu. Die Schule hat viele Schüler und wird vom heutigen Großmeister OGASAWARA KIYONOBU geleitet.


Verhalten im Training:

Kenjô no bitoku - Wahre Stärke kommt durch Demut!

Durch das Begrüßungszeremoniell erfolgt die Herstellung einer bestimmten inneren Einstellung zum Training. Störende Gedanken,
Unkonzentriertheit, vor allem Unbeherrschtheit, Wut, usw. sollen vom Dojo ferngehalten werden.
Gestärkt werden sollen:
Konzentration, Selbstbeherrschung und Gemeinschaftsgefühl, sowie der Respekt untereinander und gegenüber Schwächeren.
Für diejenigen, die sich mit solchen Inhalten identifizieren und für die es nicht nur spezifische Verhaltensformen darstellen,
ist Karate mehr als nur ein Sport. Das Schneiden oder Mobben eines Partners, wie es in unserer Zeit häufiger anzutreffen ist,
ist unehrenhaft und entspricht nicht der Philosphie. Ein solches Verhalten ist eines Karateka im höchsten Maße unwürdig.
Vor diesem Hintergrund ist der Gewinner nicht immer der Sieger.

  • Während des Trainings ist es dem Schüler nicht gestattet das Dojo vorzeitig zu verlassen.
  • Bei Konditionsschwierigkeiten setzt sich der Schüler unauffällig an die Seite im Seiza, um
    über die Ursache des Versagens und Möglichkeiten seiner Überwindung nachzudenken.
  • Die Anweisungen des Meisters sind in jedem Fall zu akzeptieren.
Auch in diesen Regeln wird das Prinzip deutlich, sich nicht selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern Demut zu üben.
Dies setzt ein Lehrer-Schüler-Verhältnis voraus, bei dem der Lehrer die Verpflichtung fühlt, sich unermüdlich und mit großer Geduld
um seine Schüler zu bemühen, und der Schüler sich dieser Zuwendung durch fleißiges, konzentriertes Üben würdig zu erweisen versucht.
Jedoch steht dem oft das eigene "Ich" des Schülers im Wege, sodaß kein Fortschritt im Karate - Do erzielt werden kann.

Nur wer stets sein eigenes Verhalten prüft, ist in der Lage Karate-Do zu lernen.



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Stand: 23.08.2009